Einleintung
Biografie Raoul Servais (Ostende, 01.05.1928 – Leffinge, 17.03.2023)
Raoul Servais war einer der Gründer des europäischen Animationsfilms in den sechziger Jahren. Sein Werk wird weltweit für seine einzigartige visuelle Sprache gelobt, die zwischen magischem Realismus, Satire und scharfer Gesellschaftskritik balanciert.
Mit fünfzehn Kurzfilmen und dem Animationslangspielfilm Taxandria (1994) hat er ein beeindruckendes Werk aufgebaut. Er hat mehr als sechzig internationale Auszeichnungen auf zahlreichen Filmfestivals erhalten. Für den surrealistischen Film Harpya (1979) erhält er die Goldene Palme, das erste Mal, dass ein belgischer Film diesen Preis erhielt.
Neben seiner Tätigkeit als Filmemacher ist Servais auch ein Pionier in der Bildung. Er gründete den Animationskurs am KASK in Gent und inspirierte Generationen von Machern, weit über die nationalen Grenzen hinaus.
RAOUL SERVAIS: Nicht in den Krieg
RAOUL SERVAIS: Nicht in den Krieg wirft einen Blick auf das Werk und die Lebenshaltung von Raoul Servais, geprägt von Kriegserfahrung und Vorstellungskraft.
Die Weltkriege hinterließen bleibende Spuren in seiner Kindheit und prägten den Rest seines Lebens. Durch die Geschichten seiner Mutter und seiner Onkel wächst er mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg auf.
Im Mai 1940, erst zwölf Jahre alt, sah er sich selbst der harten Realität des Zweiten Weltkriegs gegenüber. Er muss seine vertraute Umgebung verlassen und flieht mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Frankreich, wo er mehrmals dem Tod entkommt. Später beschreibt er diese einschneidenden Erfahrungen in seinem Buch Kriegserinnerungen.
Während der Besatzungsjahre lernt er die vielen Gesichter des Krieges kennen: eingeschränkte Freiheit, Mangelwirtschaft und Lebensmittelrationierung, Propaganda und Kollaboration, Widerstand und Deportation, die Verfolgung der Juden sowie das Untertauchen, um der Zwangsarbeit in Deutschland zu entgehen.
Doch trotz Angst und Entbehrung hält Servais weiterhin an dem fest, was das Leben erträglich macht: Fantasie und Humor. Diese Kraft zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und Werk. Seine Erfahrungen mit beiden Weltkriegen führten zu bewegenden Animationsfilmen wie Chromophobia (1965), Operation X-70 (1971), Tank (2015) und seinem letzten Kurzfilm Der Lange Kerl (2022), den er mit Rudy Pinceel produzierte.
Die Ausstellung vereint originale Animationsfolien, Skizzen und Archivmaterial und zeigt vollständig fünf von seinen Kurzfilmen, ergänzt durch ein exklusives Interview, das während der Produktion des Dokumentarfilms SERVAIS von Rudy Pinceel aufgenommen wurde.
In einer Welt, in der Konflikte und Polarisierung erneut zunehmen, wirkt seine Botschaft dringlicher denn je. Nicht in den Krieg wird so mehr als ein Slogan – es ist ein bleibender Aufruf zu Empathie und Menschlichkeit.
Montage SERVAIS
Montage mit bisher unveröffentlichtem Bildmaterial, entstanden im Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm SERVAIS von Rudy Pinceel. © House of the Dingo / Rudy Pinceel 2026
Gelesene Auszüge aus dem Buch Kriegserinnerungen. Gezeigte Ausschnitte aus den Kurzfilmen Operation X‑70 (1971), Der Lange Kerl (2022), Chromophobia (1965) und Tank (2015).
Die DVD Raoul Servais mit Kurzfilmen und der Dokumentarfilm SERVAIS sowie das Buch Kriegserinnerungen sind beide im Touristeninformationspunkt erhältlich.
Zeitleiste en filmografie
Zeitleiste
1928, 1. Mai – Raoul Servais wird in Ostende geboren und wächst in einer Unternehmerfamilie auf. An Sonntagen schaut er Filme aus der Filmsammlung seines Vaters, darunter Werke von Felix the Cat und Charlie Chaplin. Gleichzeitig lernt er das Werk von James Ensor kennen. Sein Vater schenkt ihm einen 9,5‑mm‑Filmprojektor vom Typ Pathé Baby.
1940 – Während des Zweiten Weltkriegs wird Ostende bombardiert. Die Familie verliert all ihren Besitz. Sein Vater geriet in Kriegsgefangenschaft, seine Mutter floh mit ihren beiden Söhnen nach Nordfrankreich.
1944 – Ostende ist eine Kriegszone. Die Familie kann zu Verwandten in Gent ziehen. Nach der Befreiung begann Servais als Dekorateur beim Warenhaus Innovation in Gent zu arbeiten.
1945 – Er schreibt sich in die Abteilung für dekorative und monumentale Künste der Königlichen Kunstakademie (KASK) in Gent ein. Mit Hilfe seines Lehrers dreht er seinen ersten Animationsfilm auf 9,5 mm: Spokenhistorie.
1950 – Mit seiner Besoldung, die er während der Militärdienstzeit erspart, kauft er sich eine gebrauchte 8-mm-Filmkamera.
1951 – Der Künstler Maurice Boel führt Servais in die abstrakte Malerei, Filmkunst und linke Diskussionsgruppen ein. Im selben Jahr besuchte er verschiedene Animationsfilmstudios.
1953 – Gemeinsam mit einem Team malt Servais René Magrittes Le Domaine Enchanté im Casino in Knokke.
1955 – Er arbeitet als künstlerischer Berater für Farbe mit dem Filmemacher Henri Storck.
1959 – Hafenlichtergewinnt den Hauptpreis beim Nationalen Festival des belgischen Films in Antwerpen. Mit dem erhaltenen Geldpreis kauft er sich eine professionelle gebrauchte Debrie 35-mm-Kamera.
1960 – Servais wird Dozent an der Königlichen Kunstakademie (KASK) in Gent.
1963 – Er gründet die Abteilung für Animationsfilme am KASK in Gent – Die erste Animationsfilmausbildung auf dem europäischen Festland.
1965 – Dank Paul Louyet von der Filmabteilung des Bildungsministeriums erhält Servais 500.000 belgische Francs und freie Hand für einen neuen Film. Daraus entsteht Chromophobia.
1966 – Chromophobia gewinnt den ersten Preis beim Vierten Internationalen Festival für Kinder und Jugendliche in Teheran, Iran.
1973 – Servais wird zum Mitglied der Königlich Flämischen Akademie der Wissenschaften und Künste Belgiens (KVAB) gewählt.
1979 – Harpya gewinnt die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes. Erstmals erhält ein belgischer Filmemacher diesen Preis.
1984 – Das Unternehmen Agfa-Gevaert beantragt ein Patent für die Kombination von Realfilm und Animation, die sogenannte ‚Servaisgrafie‘.
1985 – Er ist bis 1994 Vorsitzender von ASIFA (Association Internationale du Film d'Animation). 1985 entwickelte er gemeinsam mit Pierre Vlerick das Konzept für die Wandgestaltung der Metrostation Houba-Brugmann für den öffentlichen Personenverkehr: STIB.
1986 – Gründung seiner eigenen Produktionsfirma Anagram.
1989 – Die Raoul Servais Stiftung wird gegründet (später der Raoul Servais Fonds).
1994 – Premiere seines einzigen Spielfilms Taxandria auf den Filmfestspielen von Gent.
1998 – Einige Jahre nach der Uraufführung von Taxandria entwickelte Servais seine ursprünglichen Ideen erneut und wandte ‚Servaisgrafie‘an in Nachtfalter, eine Hommage an Paul Delvaux.
1999 – Eine Ausstellung seiner Werke findet erstmals in Annecy statt und reist anschließend um die Welt (São Paulo, New York, Valenciennes, Valladolid und Gent).
2008 – Servais erhält eine Ehrendoktorwürde von der Universität Gent.
2012, 20. Oktober – Seine Frau Nicole Vander Vorst, seine bedingungslose Stütze, verstirbt.
2013 – Er bittet Jacques Dubrulle ihn zu unterstützen, um sein Werk aufzubewahren und zugänglich zu machen.
2016 – Servais erhält den Lifetime Achievement Award beim Weltfestival für Animationsfilm in Zagreb.
2018 – Er wird Ehrenbürger von Ostende. Bei Mu.Zee erhält er seinen eigenen Flügel neben Ensor und Spilliaert.
2019 – Servais spendet einen großen Teil seines Werks an die König Baudouin Stiftung und beauftragt das Communicatiehuis/Raoul Servais Collection die Verwaltung seiner Rechte und Archive auf sich zu nehmen.
2021 – Die König Baudouin Stiftung präsentiert eine Ausstellung im BELvue Museum: Raoul Servais. Eine Welt zwischen Magie und Realismus, kuratiert von François Schuiten.
2022 – Der Lange Kerl (Co-Regie Rudy Pinceel) feiert seine Weltpremiere beim Film Fest Gent. Servais erhält er den Joseph Plateau Ehrenpreis für sein Gesamtwerk.
2023, 17. März – Raoul Servais stirbt im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Leffinge.
2025, 27. November – Eröffnung der Ausstellung Die Verwunderung von Raoul Servais in der Abtei St. Pieter in Gent (geöffnet bis Ende 2027).
2026 – Taxandria wird in Zusammenarbeit mit CINEMATEK (Königliches Filmarchiv), der König‑Baudouin‑Stiftung und der Raoul Servais Collection restauriert und digitalisiert.
Filmografie
Havenlichten / Les Lumières du Port / Hafenlichter / Harbour Lights *
ft 16 mm / 10' / 1960
Produktion: Absolon Films-Anagram
Omleiding November / Déviation novembre / Novemberumleitung / November Diversion
ft 16 mm / 13' / 1962
Produktion: Raoul Servais
De valse noot / La fausse note / Die falsche Note / The False Note *
ft 35 mm / 10' / 1963
Produktion: Absolon Films-Anagram
Chromophobie *
ft 35 mm / 10' / 1965
Produktion: Absolon Films-Anagram
Sirenen / Sirenen / Sirenen / Sirenen *
ft 35 mm / 9'30" / 1968
Produktion: Absolon Films-Anagram
Goldframe *
ft 35 mm / 5' / 1969
Produktion: Absolon Films-Anagram
Sprechen oder nicht sprechen *
ft 35 mm / 11' / 1970
Produktion: Absolon Films-Anagram
Operation X-70 / Operation X-70 / Operation X-70 / Operation X-70 *
Fuß 35 mm / 9'30" / 1971
Produktion: Anagramm
Pegasus / Pegasus / Pegasus / Pegasus *
ft 35 mm / 8'30" / 1973
Produktion: Absolon Films-Anagram
Das Lied von Halewyn / Le chant de Halewyn / Das Lied von Halewyn / Halewyns Lied
ft 35 mm / 12' / 1976
Produktion: Luna Film-Corona Cinematografica
Harpya
ft 35 mm / 9' / 1979
Produktion: Anagram
Taxandria **
ft 35 mm / 90' / 1994
Produktion: Iblis Films, Bibo TV&Film, Les Productions Drussart & Prascino Pictures
Nachtvlinders / Papillons de nuit / Nachtfalter / Nocturnal Butterflies *
ft 35 mm / 8' / 1998
Produktion: Anagram, Atelier AAA Annecy, Channel Four
Attraktion *
ft 35 mm / 10' / 2001
Produktion: Anagram, Oeil pour Oeil Lille
Winterdagen / Jours d'hiver / Wintertage / Wintertage (in opdracht van / à la demande de / im Auftrag von / beauftragt von Kihachiro Kawamoto)
ft 35 mm / 50" / 2003
Produktion: Imagica Tokyo
Panzer *
ft Digital / 6'20" / 2015
Produktion: Santeboetiek & Lunanime
Der Lange Kerl / Le Grand Gaillard / Der Lange Kerl / The Tall Guy *
ft Digital / 14'50" / 2022
co-regie: Rudy Pinceel
productie: Creative Conspiracy, Tchack & Raoul Servais Collection
* Diese Kurzfilme sind digital verfügbar (in Zusammenarbeit mit CINEMATEK).
** Taxandria wird derzeit in Zusammenarbeit mit CINEMATEK, der Koning Boudewijnstichting und der Raoul Servais Collection restauriert.
Chromophobia und Operation X-70
Chromophobia (1965) und Operation X-70 (1971) gehören zu Raoul Servais' progressivsten Filmen. In diesen frühen Werken erkennt man bereits deutlich die Themen, die seine gesamte Karriere prägen werden: der Kampf gegen Unterdrückung, Konformismus und Entmenschlichung.
In Chromophobia zeigt Servais eine unterdrückende Welt, in der Farbe – ein Symbol für Freiheit und Kreativität – systematisch von einer kalten, grauen Macht hinweggefegt wird. Was als ein Spiel zwischen Farbe und Schwarz und Weiß beginnt, entwickelt sich zu einer universellen Parabel über totalitäre Systeme und Angst vor Unterschieden. Der Film erhielt internationale Auszeichnungen und markierte seinen Durchbruch als führende Stimme im Animationsfilm.
In Operation X-70 geht er noch einen Schritt weiter. Hier erhält die Kriegsmaschine ein abstraktes, technologisches Gesicht. Wissenschaft und Macht verschmelzen zu einer bedrohlichen Kraft, die den Menschen zu einer Spielfigur reduziert. Obwohl der Film explizit auf den Vietnamkrieg Bezug nimmt, strahlt er die breitere Atmosphäre des Kalten Krieges aus. Dieses Werk reflektiert erneut Servais' anhaltende Sorge zu Themen wie Bewaffnung, Kontrolle und moralischen Verfall.
Zusammen zeigen diese Filme, wie Servais schon in jungen Jahren eine deutlich engagierte visuelle Sprache entwickelte. Seine Animation ist keine Flucht aus der Realität, sondern eine Art, sie kritisch zu betrachten. Mit poetischer Kraft und visueller Kreativität entscheidet er sich eindeutig für Freiheit, Vorstellungskraft und Menschlichkeit.
Filmbox 1
Chromophobia (1965)
In Chromophobia zeigt Servais eine graue, totalitäre Stadt, in der Farbe verboten ist. Als ein Regenbogen erscheint, greift das Regime hart ein. Der Film ist eine scharfe Allegorie zur Diktatur und Konformismus, geschaffen im Kontext des Kalten Krieges. Servais zeigt, wie Angst vor dem 'Anderen' zur Entmenschlichung führen kann.
Mit diesem Kurzfilm gewann er 1966 als erster Belgier den Ersten Preis für den Kurzfilm beim Filmfestival von Venedig.
ft 35 mm / 10’ / 1965
Produktion: Absolon Films-Anagram
Operation X-70 (1971)
Ein mächtiger Staat entwickelt ein Gas, das Menschen nicht tötet, sondern sie betäubt und in einen seltsamen Zustand versetzt. Als die X-70-Bomben versehentlich auf einen befreundeten Staat landen, treten beunruhigende Mutationen auf. Auf diese Weise zeigt Servais die Risiken militärischer Technologie und enttarnt die Illusion eines 'sauberen' Krieges.
Für diesen Film gravierte er originale Radierungsplatten, deren Abzüge als Kulissen dienen. Diese Technik verleiht dem Film eine bedrohliche, fast apokalyptische Atmosphäre.
Der Film verbindet diese visuelle Innovation mit einer klaren Warnung: Wer mit Zerstörung experimentiert, verliert die Kontrolle über Menschen und Natur.
Mit Operation X-70 gewann er 1972 den Hauptpreis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes.
ft 35 mm / 9’30” / 1971
Produktion: Anagram
Tank und Der Lange Kerl
Tank (2015) und Der Lange Kerl (2022) bilden den Schlußpunkt eines Lebenswerks voller Vorstellungenkraft als Instument im Widerstand gegen Gewalt. In diesen späteren Kurzfilmen kehrt Raoul Servais zu einem Thema zurück, das ihn als Künstler und Mensch nie verlassen hat: die Absurdität des Krieges.
Als Kind, geprägt von zwei Weltkriegen, sucht Servais zeitlebens nach Bildern, die warnen und ergreifen. Dabei verzichtet er auf großen Worten, stattdessen nutzt er scharfen Metaphern, trockenen Humor und seine einzigartige visuelle Sprache in der Realität und Vorstellungskraft verschmelzen. In seinen Werken erscheint der Krieg nicht als heroisches Spektakel, sondern als entmenschlichende Kraft.
In Tank wird die Kriegsmaschine selbst zur Hauptfigur: ein bedrohliches Symbol blinder Macht, das alles auf ihrem Weg zertrümmert.
In Der Lange Kerl – gemeinsam mit Rudy Pinceel realisiert – erhält das Böse ein menschliches Gesicht: das einer diktatorischen Gestalt, die zu einem mythischen Monster heranwächst.
Beide Filme zeigen, wie Servais bis ins hohe Alter seinen kritischen Blick auf Macht und Gewalt treu bleibt.
Filmbox 2
Tank (2015)
Tank ist inspiriert vom Gedicht Le Tank des französischen pazifistischen Dichters Pierre-Jean Jouve. Das Gedicht dreht sich um den Einsatz von Panzern durch die Briten gegen die Deutschen während der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg (1916). Servais bezeichnet seinen Film als eine freie Interpretation dieses ersten Angriffs.
Der Film zeigt die traumatische Erfahrung sowohl der Soldaten in den Schützengräben als auch der Panzerbesatzung. Sie macht deutlich, wie die moderne Kriegsmaschine den Menschen zu einem Zahnrad in einem unmenschlichen System reduziert.
ft digital / 6’20” / 2015
Produktion: Santeboetiek & Lunanime
Der Lange Kerl (2022)
Dieser letzte Kurzfilm von Raoul Servais spielt an der flämischen Front im November 1914. In einer trostlosen Kriegslandschaft begegnet ein Soldat einer geheimnisvollen, gigantischen Gestalt: Der lange Kerl – dem Symbol der Sinnlosigkeit der Gewalt.
Servais verbindet historische Realität mit mythischer Vorstellungskraft und zeigt, wie das Individuum von Kräften mitgezogen wird, die es nicht versteht. Der Film ist eine kraftvolle, verspätete Rückkehr zu seiner Anklage gegen Krieg und Entmenschlichung.
ft digital / 14’50” / 2022
co-regie: Rudy Pinceel
produktion: Creative Conspiracy, Tchack & Raoul Servais Collection
Servaisgrafie
Nachdem er bereits in Harpya seine eigene Technik zur Verbindung von Live-Action und Animation anwendete, entwickelte Raoul Servais ein neues Verfahren, das es ermöglichte, schneller und relativ günstig zu arbeiten: ‚Servaisgrafie‘.
Die Schauspieler werden auf Schwarzweißfilm in einer komplett weißen Umgebung gedreht. Die 35-mm-Aufnahmen werden dann analysiert und Bild für Bild ausgewählt. Diese Bilder werden auf speziellem transparentem Fotopapier vergrößert, das in einer Maschine in ein umgekehrtes Negativ – also ein positives Bild – auf lichtempfindlichen Animationszellen (transparente Acetatplatten) umgesetzt wird.
Die Animationszellen, auf denen die Schauspielerin Grautönen sichtbar sind, werden dann auf der Rückseite eingefärbt. Anschließend werden sie auf bemalten Hintergründe gelegt und Bild für Bild gefilmt, wodurch eine nahtlose Verbindung zwischen Realität und Zeichnung entsteht.
Nach Nachtfalter verwendet Servais diese Technik nicht mehr, da die rasante Entwicklung der Computertechnologie die Technik weit überholte. Für seine späteren Filme wie Taxandria, Atraksion, Tank und Der Lange Kerl setzte er auf digitalen Verfhren.
Dennoch bleibt die ‚Servaisgrafie‘ ein einzigartiger Meilenstein in der Geschichte des Animationsfilms.
Struktur einer Animationszelle
- Die Schauspieler werden auf 35mm Schwarzweißfilm mit komplett weißem Hintergrund gefilmt.
- Das richtige Bild wird aus diesen Bildern ausgewählt.
- Das Bild wird auf Zellophan Blättern (spezielles transparentes Papier) übertragen.
- Diese Blätter gehen in ein spezielles Gerät, bei dem ein invertiertes Negativ hergestellt wird. Dies erzeugt ein positives Bild auf lichtempfindlichen, transparenten Acetatplatten (Animationscels).
- Dann werden die Figuren auf der Rückseite bemalt.
- Die beiden Blätter werden zusammen auf ein Set gelegt.
- Das Ganze wird dann Bild für Bild gefilmt und bildet so die endgültige Animation.
Nachtvlinders (Nachtfalter)
Obwohl Nachtfalternicht vom Krieg handelt, darf dieser Kurzfilm nicht fehlen, da er ein Schlüsselwerk in Servais' Œuvre ist.
Nachtfalterist der einzige Film, der vollständig in ‚Servaisgrafie‘ umgesetzt wurde und eindeutig vom Werk des Malers Paul Delvaux inspiriert ist. Der Film vereint Traum und Realität in einem poetischen Universum aus nächtlichen Stationen, stummen Figuren und verklingender Erotik.
Obwohl ‚Servaisgrafie‘ sich als effektive Methode erwies, um Live-Action in gezeichnete Sets zu integrieren, wurde die Technik aufgrund der rasanten Entwicklung der Computertechnik nach und nach überholt. Mit Nachtfaltergelingt Servais jedoch eine einzigartige Synthese aus Handwerk, Film und Malerei.
Nachtfalter(1998)
Der Kurzfilm Nachtfalter von Raoul Servais, inspiriert vom Werk Paul Delvaux‘, spielt in einem nächtlichen Wartesaal eines Bahnhofs. Dort landet ein Mann, fasziniert von einer Motte, in einer traumähnlichen Welt. In diesem entfremdenden Raum erwachen ruhige Gestalten langsam zum Leben. Mit seiner einzigartigen ‚Servaisgrafie‘ – einer Kombination aus Live-Action und Animation – erschafft Servais einen poetischen und geheimnisvollen Film ohne Dialog.
Mit Nachtfalter gewann Raoul Servais 1998 den Großen Preis des Internationalen Festivals für Animationsfilm.
ft 35 mm / 8’ / 1998
Produktion: Anagram, Atelier AAA Annecy, Channel Four

